Zu Gast in bekannten Straßen

Am letzten Wochenende besuchte ich meine alte Heimat, oder vielmehr mir wohl bekannte Orte. Es war ein seltsames Gefühl durch die Straßen zu spazieren wie früher, ohne dabei ein zu Hause in der Nähe zu wissen.

Die drückende Hitze in der Stadt erscheint mir viel stärker als früher. Beinahe scheint es mir, als würde die Luft hier stillstehen und wir alle könnten hier im Talkessel ersticken. Mir fehlt der tiefe Atem, der frische Heideluft in meine Lungen lässt. Aber nun bin ich eben auf Besuch in der alten Heimat und hier gibt es alles – nur keine frische Luft.

Ich habe nicht viel Zeit aber zwei Stunden nehme ich mir, um durch die Stadt zu spazieren und Dinge einzukaufen, die ich in der Einöde zu Hause nicht so leicht bekomme.

Der Weg über die Allee hin bis zum Schloss ist besonders erinnerungsträchtig. Wie oft saß ich schon dort auf der Wiese? Sogar Geburtstage habe ich hier gefeiert, im Gras mit Blick zum Schloss.

Menschen eilen an mir vorbei und ich rechne fast damit, dass mir jeden Moment jemand Bekanntes vor die Füße läuft. Aber das passiert nicht.

Plötzlich bin ich wieder Studentin, eile vom Radiostudio nach Hause, zu einem meiner Jobs oder in den Botanischen Garten. Alles ist so vertraut und zugleich ein wenig fremd geworden. Eine Mauer ist nun zwischen mir und dem alten Leben. Längst vergangene Gefühle kommen kurz auf, verschwinden wieder, besuchen mich erneut, werden stärker und schwächer.

Ich fühle mich seltsam, ein wenig heimatlos und verloren. Der Erinnerungsansturm drückt schwer auf mir, macht die Füße lahm und die Gedanken zäh.

Ein paar Fotos könnte ich machen, doch diesen Gedanken verwerfe ich gleich wieder. Irgendwie passt es nicht in diesen Moment hinein. An der Brücke, auf meinem Rückweg aus dem schönen Garten, muss ich dann doch einen Schnappschuss machen. Wie oft habe ich dort gestanden? Damals gab es noch Schildkröten im Teich und dann war eine zeitlang alles trocken und trostlos, als der Weiher komplett erneuert wurde. Ich vermisse die Tiere mit dem weisen Blick aber freue mich darüber weniger Dreck im Wasser zu sehen.

Bin ich schon vollends über die Brücke geschritten, stehe ich schon komplett auf der anderen Seite? Oder bin ich noch halb über dem Wasser, mit wehmütigem Blick zurück? Ich denke mein Besuch hier ist nur das kurze Drehen des Kopfes, ein Mustern der Vergangenheit, bevor ich mich noch weiter entferne. Immerhin habe ich die Brücke bereits überquert und das ist auch gut so. Die Zeit war richtig und es war wichtig, Altes hinter mir zu lassen.

Die Wiese ist voller Menschen und plötzlich fühle ich mich furchtbar einsam und leer. Die Sonnentage waren immer schön hier, trotz der drückenden Hitze.

Ich wende mich ab und gehe zurück, tätige meine Einkäufe und komme wieder im Hotel an. In der eigenen Stadt im Hotel? Aber ich bin ja nun ein Tourist hier! Einer, der sich aber schon auskennt in der Stadt, der die schönen Ecken besucht und Schleichwege nutzt.

Meine Zeit in dieser Stadt ist schnell vorbei. Nur eine Nacht und ich muss weiter in eine andere Stadt. Eine Stadt, die mir auch sehr bekannt ist und wo alte Erinnerungen schlummern..

Wie waren eure Erlebnisse und Gefühle, wenn ihr zurück in eine Stadt gefahren seid, in der ihr lange gewohnt habt?

Advertisements

17 Kommentare zu „Zu Gast in bekannten Straßen“

  1. Ich habe ganz ähnlich zwiegespaltene Gefühle wenn es um „Heimat“ geht. Ich wollte immer weit weg, weitergehen, nicht zurückblicken. Und doch bleibt da diese Sehnsucht. Ich finde dieses Thema sehr spannend und habe gerade eine Blogparade dazu beendet. Ich war sehr überrascht, dass das Thema „Heimat“ so viele Blogger beschäftigt. Wenn du magst, schau doch mal rein. https://anwolf.wordpress.com/2017/05/22/heimatorte-auswertung-blogparade-teil-1/ Liebe Grüße von Andrea

    Gefällt 1 Person

    1. Ich glaube vor allem jetzt, in dieser hektischen Zeit, wo so vieles passiert, sehnen sich viele Menschen nach Halt. Und das ist es doch auch, was uns Heimat gibt. Ein sicheres Gefühl, Geborgenheit und vertraute Orte.
      Deine Blogparade finde ich einfach toll! Ein sehr spannendes Thema!
      Herzliche Grüße
      Julia

      Gefällt 1 Person

  2. Es ist meist mit ein wenig Melancholie verbunden, wenn ich alle Jahre wieder mal nebenan nach Remscheid komme. Jahrzehnte alte Filme laufen ab. Dramen, Komödien, Tragikomödien. Dokumentationen. Nur wenige Krimis. Tut gut, dann wieder fort zu fahren.

    Lieben Gruß !

    Gefällt 2 Personen

  3. Wehmut, Herzklopfen, der Gedanke daran, dass alles vergänglich ist. Besonders dann, wenn in der alten Stadt nichts und niemand mehr geblieben ist, der zu einem gehört. So ging es mir zum Beispiel nach dem Tod meiner Großeltern, die ich zuvor noch regelmäßig in meiner Heimatstadt besucht habe. Der letzte Faden ist gerissen …
    … aber zurück zum Schönen. Ein schöner Beitrag, danke 🙂

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s