Fantasie II

Ich schaue aus dem Fenster und beobachte einen Vogel, der auf einem Ast sitzt. Erst schaut er skeptisch, dann pickt er eine rote Beere vom Baum und schluckt sie herunter.

Und in meinem Kopf geht der Phantasiemodus an.

Dieses Federtier sucht verzweifelt nach der richtigen Zauberbeere, die es zurückverwandelt. Seit Jahren schon verweilt die kleine Sigune in dieser Form und hat sich inzwischen sogar daran gewöhnt. Dennoch wäre es schöner wieder auf zwei Beinen zu gehen. Sie vermisst ihre Familie, die netten Freunde und die Annehmlichkeiten des Mensch-Seins.

Von den Käfern und Früchten hat sie genug. Wie gerne würde sie wieder in frisch-fluffiges Brot beißen und herzhaft lachen. Klar, es gab auch viele Vorteile. Immerhin konnte sie fliegen. Welcher Mensch wünscht sich das nicht? Andererseits gab es nun viel mehr Gefahren für sie. Immerhin war sie nur ein kleiner Vogel.

Enttäuscht darüber, dass die Beere scheinbar nicht die Richtige war, flog sie weiter und hielt Ausschau nach der einen, richtigen Frucht. Gar nicht so einfach im Winter, wenn es kaum noch Beeren gab. Wer weiß, ob sich der richtige Bissen überhaupt im Winter finden ließ? Sie wusste nur soviel: Die Beere hing an einem Ast und wartete nur auf sie. Allerdings, das hatte ihr der düstere Herr in Grau gesagt, würde sie dieses Wundermittel erst finden, wenn die rechte Zeit herangebrochen war. Seitdem suchte Sigune verzweifelt, konnte an nichts anderes denken.

Ich spaziere zwischen den Bäumen umher und finde fantastische Verbindungen.

Als sie so daherflog sah sie etwas rotes an einem Baumstamm. Pfeilschnell hielt sie darauf zu und erhoffte sich, dass eine Beere wohl heruntergefallen und in einer Spalte am Stamm hängen geblieben war. Kurz bevor sie hineinbeißen konnte entdeckte sie, dass es nur ein Käfer war. Darauf hatte sie nun gar keinen Appetit, doch das war dem Käfer wohl nicht bewusst. Verzweifelt rannte er auf der Borke entlang und versteckte sich in einer kleinen Spalte.

Sigune wurde neugierig, flog heran und schaute in die Ritze hinein. Leises Gewimmer war zu vernehmen. „Hallo?“, fragte Sigune leise. Es wurde still. „Ich habe keinen Hunger“, sagte sie, „ich suche nur die richtige Zauberbeere.“ Gerade wollte sie sich wieder abwenden, da kroch der rot-schwarze Käfer hervor. Unsicher und vorsichtig sah er den Vogel an. „Du suchst auch danach?“, fragte der Käfer. Verwundert blickte Sigune ihn an. „Warst du etwa auch einmal ein Mensch?“, fragte sie ihn und dachte im selben Moment, dass diese Frage völlig bescheuert war. Doch der Käfer nickte. „Ich heiße Raik“, sagte er leise und blickte zu Boden.

Und so begannt eine seltsame Unterhaltung zwischen Vogel und Käfer. Sie vergaßen ihre Suche nach der Beere völlig und waren froh endlich einen Leidgenossen gefunden zu haben. Ihre Geschichten ähnelten sich sehr und doch waren sie durch verschiedene Missgeschicke in diese ungewöhnliche Lage geraten. Als sie sich endlich alles erzählt hatten, war es bereits Nacht geworden und beide wollten sich einen Schlafplatz suchen. „Wie wäre es wenn wir uns ab morgen gemeinsam auf die Suche machen?“, fragte Sigune. „Das wäre toll“, antwortete Raik und so war es abgemacht.

Doch was würde geschehen, wenn sie tatsächlich diese eine Beere gefunden hatten? Wer würde sie essen? Oder gab es mehrere davon?

Sie schliefen so schnell ein, dass sie daran gar nicht gedacht hatten..

In meinem Kopf spinnt sich die Geschichte weiter, wird verbunden mit anderen Elementen, die mir auf meinem Weg begegnen. Und plötzlich bin ich selbst mittendrin in diesem Kuriosum.
Was für ein träumerischer Moment..

Solche Ausflüge tun gut, vor allem, wenn man sich ans Draußen erinnern muss, weil man krank im Bett liegt. Weil man sich nicht bewegen kann oder es Dinge gibt, die einen daran hindern etwas aufregendes zu Erleben.

Unsere Fantasie ist eine großartige Macht.

 

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9 Kommentare zu „Fantasie II“

  1. Vielleicht weiß der Käfer ja, wo der Baum mit den magischen Beeren wächst, kommt aber nicht hin. Er ist viel zu klein und der Weg zu weit. Der Vogel weiß nicht, wo der Baum steht, kann aber fliegen. So machen sich die beiden zusammen auf den Weg, der Käfer im Gefieder des Vogels, er weist seinem neuen Partner den Weg. Sie finden den Baum, essen von den Früchten, werden wieder zu Menschen, und dann sammeln sie die Beeren und streuen sie überall aus für den Fall, dass noch mehr verwunschene Tiergestalten unterwegs sind. Tatsächlich ist das der Fall, und miteinander begründen sie nun einen neuen Staat, in dem alle Mitglieder – ob Tier, ob Mensch – nur gemeinsam mit anderen handelt. Jeder darf dazu kommen, der sich daran hält. Das waren so viele, dass der Staat bald zu klein wurde …
    Sorry, es geht grad durch mit mir, ich hör schon auf! 😉
    Fantastisches Grüßle,
    A.

    Gefällt 1 Person

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