Den Sorgen davon fliegen

Schweizer Aussicht

Jetzt, wo der Blick aus dem Fenster das Tor zur Winterwelt darstellt, tauche ich ein in das beruhigende Rieseln des Schnees während die Hände auf der Heizung ruhen. Ja, ich bin ein Sommerkind und trotz des Schneezaubers werde ich die Geschenke des Winters wohl nie in vollen Zügen genießen können. Muss ich auch nicht. Während die Fussel vom grauen Himmel torkeln, entdecke ich darin meinen Sommer. Der erste Urlaub ganz alleine sollte eigentlich ein ganz besonderes Erlebnis werden. Leider waren die Voraussetzungen dafür zunächst alles andere als großartig: zerbrochene Beziehung, kurzfristige Änderung eines Pärchenurlaubs in einen einsamen Trip in die Schweiz. Endloser Stau auf der Autobahn, Bauchweh und Tränen. Natürlich war alles aufregend und über das Wetter konnte ich mich auch nicht beschweren. Dennoch lag ein salziger Schleier über den Bergen, dem See, der wunderschönen Stadt Bern und selbst den genügsam kauenden Almkühen. Besonders am Abend überfiel mich regelmäßig das große Heulen. Weltschmerz pur. Tagsüber badete ich im See, fuhr hoch in die Berge, wanderte stundenlang gehetzt durch die Berge und ließ mich immer wieder von trüben Erinnerungen ablenken. Überall die Sonne, azurblauer Himmel, wunderschöne Natur, Ruhe und Frieden aber in mir nur finstere Verzweiflung. Und dann kam schon der letzte Tag.
Von Einsamkeit und Trauer erstickt sitze ich im Garten, die Sonne trocknet die Tränen und ich bekomme das Gefühl meinen Urlaub verpasst zu haben. Ja, es war schön hier, aber mich hat all das Licht nicht erreichen können. Ich blättere in einem Flyer, überlege was ich noch unternehmen könnte, bevor ich morgen wieder auf der Autobahn in der Sonne braten muss. Immer wieder wollte ich hier weg, mich zu Hause verstecken, alles um mich herum vergessen. Dabei war ich nun einmal hier und statt diese paar Tage zu genießen verkroch ich mich in meinem Trauernest. Die Touristenattraktionen schienen mir alle unpassend. Zu viele Menschen, glückliche Familien, verliebte Paare.. Also buchte ich kurzerhand einen Flug. Paragliding.
Noch nie habe ich so etwas gemacht – ich habe Höhenangst. Aber es war mir egal. Was sollte mir jetzt noch passieren? Im Grunde hatte ich armes Ding doch schon alles verloren und selbst wenn ich sterben würde, wäre das auch egal. Wie sehr Herzschmerz doch die Realität verzerrt. Mittags ging es schon los. Mir war klar, dass das alles völlig verrückt war. Ich hatte weder das Geld für den Tandemsprung (das Geld war eigentlich für die bald anstehende Auto-Inspektion verplant) noch war ich irgendwie vorbereitet auf ein solches Wagnis. Ein Engländer gabelte mich am Treffpunkt auf und plötzlich musste ich auch noch im hintersten Winkel meines verwirrten Hirns die letzten Brocken Schulenglisch hervor kramen. Schlagartig war ich unter Menschen. In meinem Bauch grummelte es ordentlich, als wir bis auf etwa 1000 Meter hoch fuhren. Die zwei Chinesinnen im Bus, die ebenfalls zum ersten Mal fliegen wollten, scherzten mit den Piloten. Es gab ein paar Anweisungen, die irgendwie an mir vorbei flossen und dann waren wir am Startplatz.
Die beiden Mädels liefen mit ihren Piloten den Hang runter und stiegen auf und dann war ich dran. Ich legte das Geschirr an, ließ mich einhaken und dann warteten wir auf den Wind. Er kam nicht und einmal wären wir bei einem Startversuch fast in die Bäume geraten. Plötzlich wollte ich nicht mehr sterben. Und dann kam doch noch der Wind, wir liefen den Hang runter, der Wind erfasste den Gleitschirm und zog uns hoch. Ich schaute hinab und wollte weg vom Boden, weg vom gefährlichen Aufprall, weg von allem. Wir zogen unsere Kreise, stiegen immer weiter hinauf. Der Pilot hing hinter mir am Schirm, fragte ob alles okay war, erklärte ein wenig wie alles funktionierte. Und dann hörte ich auf nach unten zu schauen, lehnte mich in meinem Sitz zurück und sah mich um. Die Berge waren wunderschön. Unbeschreiblich schön. Hin und wieder rauschte der Wind, sonst war es still. Die Sonne war hier in der Luft viel angenehmer, nicht so unerträglich drückend heiß wie am Boden. Ich ließ mich immer höher tragen, wollte gar nichts anderes mehr und mein Kopf wurde durchgepustet von der Wärme und Schönheit dieser Welt. Es war unglaublich. Diese Ruhe, diese Leichtigkeit und diese wahnsinnige Schönheit der Natur und ich mitten drin. Vergessen die Leere in mir, die dunklen Gedanken und die Hoffnungslosigkeit. Ich war einfach nur da, genoss den Moment und war dankbar dafür. Unter mir die Bergwiesen, in der Ferne die weißen Alpenspitzen. Bald wurden die Seen sichtbar und die Stadt, aus der wir gestartet waren. Wie ein Kind erfreut erkundete ich jedes Detail, sog die warme Luft ein und freute mich über das Gefühl der Freiheit. Ich wollte für immer so fliegen, friedlich dahin gleiten durch dieses Panorama. All den Ballast habe ich am Boden gelassen. Nach etwa 15 Minuten kreisten wir über der Stadt und auf meinen Wunsch wurden noch ein paar Schikanen eingebaut. Der Schirm neigte sich steil zu den Seiten, kreiste immer enger, schaukelte schwungvoll hin und her.
Mir war weder unwohl noch übel. Mit erstaunt offenem Mund genoss ich überwältigt dieses Schaukeln. Ich weiß nicht, woher ich das Gefühl der Sicherheit nahm, aber Angst war plötzlich unbedeutend. Es gab nur diesen einen Moment, ich war ganz versunken im staunen und genießen. Zurück am Boden wollte ich sofort wieder hoch, war wie betrunken vor Glück. Noch Stunden später war dieses abgehobene Gefühl in mir und ich wusste genau: DAS will ich wieder machen.
Zurück in meiner Stadtwohnung war da natürlich wieder die Einsamkeit, Leere, Trauer. Aber es gab auch etwas neues: Die Erinnerung. Sie ist etwas ganz kostbares, dass mich selbst in der Winterdepression wärmt. Für mich steht fest, dass ich wieder in die Luft muss. Irgendwie werde ich das realisieren und irgendwann einen Flugschein machen. Ich möchte alleine gleiten können, die Sorgen am Boden lassen und frei sein. Der Gedanke daran lässt mich lächelnd die weißen Segler betrachten, die vor meinem Fenster tanzen. Und dann schließe ich die Augen und bin einer von ihnen. Nur bitte in warm.

 

Dieser Erstlingsbeitrag von mir wurde auch veröffentlicht auf The Story of your Alltag. An dieser Stelle liebe Grüße 🙂

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8 Kommentare zu „Den Sorgen davon fliegen“

  1. Wow! ⭐ Großartig und ganz schön mutig!
    Alles so gut nachzuvollziehen. Alleine reisen… Ich hatte es mir auch vorgenommen und es gibt da diese Sehnsucht in mir. Nun ziehe ich erst mal um.
    Die Beziehung ist auch grad mal wieder „off“ und ich frage mich, ob ich sie nochmal „on“ haben möchte, wenn…
    Aber dass ich gerne fligen lernen möchte, das habe ich in 2015 beschlossen. Aber zunächst im übertragenen Sinn. Alleine umziehen gehört für mich dazu, hab ich so noch nie gemacht. Noch dazu im „fremden“ Land, der Schweiz. Aber ich weiß, wenn es vorbei ist, werde ich wieder ein Stückchen geflogen sein, mich freier und weiter fühlen.

    Ganz liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

  2. Du schreibst ganz wunderbar!
    Und du hättest nichts besseres nach einer Trennung tun können, Neues wagen, Abspringen und die Welt aus einer veränderten Perspektive betrachten.
    Mein Kompliment!
    Herzliche Grüsse Erika

    Gefällt 1 Person

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